Made in GDR // Klassenfahrt 2014

Während demnächst in Teilen (?) Niedersachsen [begründet] keine Klassenfahrten mehr stattfinden werden, darüber jedoch auf anderer Ebene neu diskutiert wird, war ich dieser Tage Anfang April mit meiner Acht auf Klassenfahrt. Da Herr Rau vor einiger Zeit sehr gelungen von seiner Fahrt berichtete, schließe ich mich dazu gern mit einem ähnlichen Erfahrungsbericht an. Könnte fast als Idee für eine neue Blog-Parade tragend sein. Was halten Sie denn davon, liebe Kolleginnen und Kollegen?

Diese Fahrt war zugleich meine erste als verantwortliche Klassenlehrerin – entsprechend mit dem üblichen Vorlauf: Aushandlungsprozesse mit meinen SuS, bessere und schlechtere Kontakte mit verschiedenen Anbietern, Resignation am schulischen Reisebudget, zwei Runden Elternbriefe, wenig bis gar kein Stress beim Geldeintrieb und dem obligatorischen Elternabend mit Verhandlung der genauen Höhe des Taschengeldes. Schlussendlich habe ich mich auf keinen Anbieter gestützt, sondern von der Übernachtung bis hin zu den Programmpunkten alle Bausteine selbst zusammengestellt. War nicht ernsthaft anstrengend.

Meine Endabrechnung für die Eltern und dem (sich für uns Lehrer beteiligenden) Förderverein der Schule folgt die Tage*. Wird tatsächlich eine knappe Sache, aber Pi mal Daumen war die Vorkalkulation stimmig.

Inselparadies

Montag – Anreise
Entspannte Fahrt mit dem ICE von HH nach Berlin, von da mit dem RE rüber nach Werder (Havel). Vom Bahnhof selbst habe ich lediglich das Gepäck abholen lassen: Ein kleiner Spaziergang tut allen gut! :-) Kurze Busfahrt und eine halbe Stunde Fußmarsch zur Unterkunft. Mir als Spreewälderin war in Teilen klar, das uns eventuell ein Ferienlager mit rustikalem DDR-Charme erwarten könnte, die SuS waren nur ganz kurz geschockt, haben sich mit Plattenbau, Zweckgebäuden und den „seltsamen“ Sanitäranlagen aber recht schnell abfinden können. Es war auch nix ekelig oder schmutzig! [Ein Hostel in Berlin kam für mich aus Altersgründen und damit einhergehenden Beschäftigungsmöglichkeiten der SchülerInnen nicht in Frage.]

Nach spezifizierter Zimmerverteilung und Geländebegehung kam der Förster und ab ging es zur Waldwanderung – zu Beginn der Acht hatten wir in Biologie den Wald als beispielhaftes Ökosystem. Geklaute Adaptierte Idee für meinen Unterricht: Mit einem Stethoskop kann man das Wasser in den Leitungsbahnen der Bäume regelrecht rauschen hören. Freie Abendgestaltung mit Fußball, Tischtennis, lauter Musik.

Sanssouci

Dienstag – Tag in Potsdam
Nach dem Frühstück, und dem sich vom Vortage wiederholenden halbstündigen Spaziergang zur öffentlichen Bushaltestelle, Fahrt nach Potsdam mit dem ÖPNV. Dort dann das gebuchte Programm sehr passend zu unserer Unterkunft in Petzow „Auf den Spuren der DDR“. Großartige Sache, die ich unterrichtlich minimal vorbereitet hatte, da wir thematisch dort erst in Klasse 9 landen, zusätzlich mussten alle daheim jemand/-en zur DDR interviewen. Lief prima. Zunächst museumspädagogische Anleitung vor Ort im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Klärung von Elementen der Diktatur und/oder Demokratie in der DDR, sich anschließende Phase zur Vertiefung einzelner Elemente in Gruppenarbeit.

Im Anschluss in Kleingruppen per Stadtrallye auf eigener Erkundung durch Potsdam zum sogenannten „Lindenhotel“, dem ehemaligen Gefängnis der DDR-Staatssicherheit, direkt neben der (schon immer) touristisch genutzten Einkaufsmeile Potsdams, der Brandenburger Straße. Hier kamen wir in den Genuss einer höchst ausgezeichneten Führung. Selten wie nie habe ich meine Racker so ruhig und aufmerksam, zum Teil leicht schockiert und derart nachfragend erlebt. Geschichte mit und über Zeitzeugen erfahrbar zu machen, ist einfach unbezahlbar.

Zur Abrundung des Tages Programmpunkt 3: eine Führung durch Schloss Cecilienhof. Ich selbst hätte diesen Programmpunkt didaktisch wohl eher an den Anfang des Tages gesetzt. Immerhin ist die Potsdamer Konferenz entscheidend für die wesentlichen Entwicklungen in den Besatzungszonen ab 1945, aber so war es irgendwie auch okay. Da wir noch Zeit hatten, ich eh das Tagesticket für den Potsdamer ÖPNV besorgt hatte, ging es mit einem kleinen Abstecher auf der Rücktour über Schloss Sanssouci. Einige Schüler kannten Sanssouci noch nicht, die Aussicht von der Schloss-Terrasse ist phänomenal und förmlich ein Must-see. Nach Rückfahrt und -marsch freie Abendgestaltung – wiederum mit Fußball und Tischtennis sowie Lager-Disco (sic!) mit gruppendynamischen Treff auf andere Klassen des Inselparadieses.

Bundestag

Mittwoch – Tag in Berlin
Nach Rücksprache und Einladung unserer regionalen Bundestagsabgeordneten konnte die Klasse in und auf den Bundestag. Da meine Terminanfrage und -absprache zwischen dem Wahlkreisbüro, dem Hauptstadtbüro und dem Besucherzentrum irgendwie kommunikativ kreuz und quer ging, ich aber natürlich freundlich-hartnäckig bin, kamen wir nach einer kleinen Warterei und Unsicherheit, ob es überhaupt an dem Tag noch wird, dann doch ins Gebäude. Sogar in die Fraktion der SPD inklusive eines Meet & Greet mit Nina Scheer hinter den Kulissen. Nett, sehr nett. Wenn jedoch alle Kontakte (=Zusammenarbeiten) zwischen den Bundestagsabgeordneten, deren hilfsbereiten MitarbeiterInnen und den sonstigen anbei tätigen Staatsdienern derart ablaufen, wie es sich an diesem Tag gezeigt hat, dann brauchen wir uns als Bürger nicht zu wundern. Die einen wollen und haben Ideen, die anderen sind in ihrer Ausführung stupide auf bürokratische Schriften fixiert.

Ab 14:00 Uhr klassisch touristisches Programm mit freier Bewegung für die SuS. Ohne Stelenfeld vorab geht natürlich nix bei einer Geschilehrerin. Hier wieder der von mir erwartete Effekt. Erst denkt man sich, „sind gar nicht so eindrucksvoll diese Betonklötzer, da kommen wir locker gemeinsam durch“. Was von der Entfernung stimmig sein mag, weil man das Feld sogar quer überblicken kann. Geht man jedoch als Gruppe hinein, wird man doch sehr schnell getrennt und ist überrascht von der Dunkelheit und Kühle, der sich umschließenden Skulpturen, die dann zu wahren Riesen werden. Für mich ergibt sich eine perfekt Interpretation, wenn man länger darüber sinniert bzw. sich selbst darauf einlässt.

Hochseilgarten

Donnerstag – Kommunikationstag
Es ging in einen der drei Kletterwälder rund um Berlin – nach Klaistow. Wirklich tolle Sache, sehr empfehlenswert. Meine Liebsten waren wunderbar beschäftigt. Wir begleitenden Lehrer sind fleißig mitgeklettert, bringt natürlich Spaß und macht Eindruck. Am gleichzeitig letzten gemeinsamen Abend dann Cocktailmixen, Grillen und Disko. Kommuniziert haben wir reichlich. Die Anlässe an diesem Tag reichten von entspannt bis angespannt.

ich vor der kuppel

Freitag – Abreise
Gepäck und SuS wurden diesmal gemeinsam zum Bahnhof gefahren, Rücktour wie Anreise. RE nach Berlin, von dort mit dem ICE nach HH. In Berlin steigt parallel eine dänische Reisegruppe zu, deren Betreuerin zwar kurz mit mir über die Reservierung spricht, jedoch nicht auf mich hört meinen Tipp reagierte, dass sie doch bitte an der anderen Tür mit ihrer Klasse einsteigen soll, da sie von dort direkter zu ihren Sitzplätzen kommt. Ein Chaos von Megariesenkoffern und Schülern an Bahnsteig 7… Im Wagen selbst hatten wir es nach 20 Minuten, reichlich Menschentetris und grauen Haaren meinerseits dann auch sortiert.

Problem der Fahrt
BH-Fotos in WhatsApp-Verläufen, die da nicht hingehören. Ziemlich emotionale Ansprache vor allen, Löschung aller betreffenden WhatsApp-Verläufe, Einsicht in alle lokalen Fotoordner und Entfernung des entsprechenden Bildes. [Neben der Klassengruppe gibt es eine Jungsgruppe gibt es eine Coolejungsgruppe gibt es eine Coolejungsundcoole-mädchenlästernüberanderegruppe.] Der Kollege stand kopfschüttelnd anbei, für ihn war nicht klar, warum und woher ich weiß, was wie zu tun ist, damit so ein Bild ansatzweise von den Smartphones verschwindet. Im Anschluss separate Sexting-Aufklärung für die Mädchen unter 24 Augen. Achach.

Tolle Randerlebnisse für die Lehrerin als Privatperson
Einmal die sogenannten „Wandschmierereien“ der Rotarmisten von 1945 selbst zu sehen, den SuS vorlesen zu können und sich ob der noch vorhandenen Brocken Russisch ganz großartig pädagogisch zu fühlen.

Die Spuren der Rotarmisten 1945

Zum Zweiten, nach dem Hochseilgarten bereits den ersten Spargel dieses Jahres essen können. Und dazu noch echter Brandenburger Spargel.

Zum Dritten, endlich einen Blick auf das fertiggestellte Stadtschloss in Potsdam werfen.

Zusatzbemerkung
Wir hatten perfektes Wetter, kühl bei An- und Abreise, Frühsommerwärme an den anderen drei Tagen. Wenn man viel unterwegs sein möchte und ist, nimmt man dies dankbar an.

Bundestagstermine immer ein halbes Jahr vorab mit der Bundestagsabgeordneten der Wahl ausmachen. Sobald eine verquere Meldung aus dem Besucherzentrum kommt, direkt Kontakt mit dem Büro aufnehmen.

Als Begleitung hatte ich den Physikkollegen gewinnen können, auch wenn er im Hinblick auf einige SuS meiner verquatschten Troublebande allerliebsten Acht ein wenig Bauchschmerzen hatte. Schlussendlich haben wir uns die Tage perfekt ergänzt, was auf solch einer Fahrt natürlich unglaublich erleichternd ist. Der Kollege und ich waren in „unserer Harmonie“ (O-Ton der SuS) voll akzeptierte Rudelchefs. Die letzte Nacht war sogar die unproblematischste, da sie mittlerweile alle auf unseren Rhythmus von Abendritual und Nachtruhe eingestellt waren. [Einige können daheim scheinbar unkontrolliert bis in die Puppen aufbleiben und Medien aller Art genießen. Gab sogar erstauntes Elternfeedback, wie wir das mit unserer 22-Uhr-Ende-und-Medien-weg-Regelung hinbekommen haben. Selbstschutz sage ich dazu, alles Selbstschutz. ;-)]

Song zur Fahrt
Natürlich, Helene.

Gruppenfahrten fetzen.

* Hat alles gepasst.

4 Gedanken zu „Made in GDR // Klassenfahrt 2014

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