[Veröffentlichung] Projekte zur Erinnerungskultur im Geschichtsunterricht

Band 199 der „Lauen­burgischen Heimat“ ist ab sofort für 12,50 Euro erhältlich.

Für und neben dem Geschichtsunterricht ergaben sich bei mir zwei schöne Projekte. Erst mit meiner eigenen Neun, dann mit dem Oberstufenkurs. Gerade weil ich derzeit nicht viel Geschichte unterrichte – meine biologische Qualifikation wird unterrichtsplanerisch mehr gebraucht – macht es mir natürlich doppelt Freude, meine Leidenschaft für das Historische anderweitig vertiefend auszuleben. ;-)

Die Ergebnisse aus den Projekten werden und wurden aufgearbeitet, es ergaben sich nicht nur die hier nun verlinkten Tafeln, sondern ebenso eine Veröffentlichung meinerseits im passenden Themenheft des lokalen Heimatbund und Geschichtsvereins: der Lauenburgischen Heimat. Die Tafeln werden übrigens ab dem 4. Mai 2015 für 3 Monate im Mahnmal Kilian-Bunker in Kiel ausgestellt.

Ergebnisse:

Tafeln
Projekt I – Flüchtlingslager/2013
Projekt II – Emil Haberland/2014

Veröffentlichung in der Lauenburgischen Heimat, Bd. 199, März 2015, S. 81-85
Vorstellung eines lokalgeschichtlichen Kursprojektes der gymnasialen Oberstufe des Otto-Hahn-Gymnasiums Geesthacht: „Kriegsteilnehmern Geesthachts ein Gesicht geben“ [von AL]

„Bevor das Projekt in seiner zeitlichen Dimension genauer beschrieben wird, soll zunächst eine knappe didaktisch-methodische Hinführung, den Wert und die Stellung solch eines Projektes für den Geschichtsunterricht skizzieren. Daneben soll meine Erfahrung mit einem vorangegangenen Projekt, meine Motivation für dieses und zukünftige Projekte darlegen.

Projektunterricht bzw. „forschendes Lernen“ im Geschichtsunterricht bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler ein historisches Thema möglichst selbstständig erarbeiten und zu eigenen Einsichten gelangen. Sie stoßen – nicht nur im Idealfall – von sich aus auf Probleme und bilden eigenständig neue Fragen. Dabei untersuchen sie zeitgenössische Materialien, entwickeln einen Arbeitsplan und formulieren und präsentieren ihre Antworten und Ergebnisse. Es geht dabei nicht nur um die Sache an sich, sondern um den Erwerb unterrichtsmethodischer Verfahren (hier: Beschäftigung mit Originalquellen verschiedener Art), sich selbstbestimmt in ein unbekanntes Gebiet einzuarbeiten, ist, wie man heute gern sagt, eine „Schlüsselkompetenz“ über den Bereich eines Faches hinaus. Nicht vergessen sollte man als Lehrer dabei, dass diese Art von Unterricht die klassische Schulroutine gewinnbringend durchbricht und sehr motivierend für das Fach sein kann.[i]

Bereits im Herbst 2013 kam der Kontakt mit Frau Ammermann im Rahmen unseres ersten gemeinsamen Projekts im Zuge der Wanderausstellung „Unbequeme Denkmäler“ zustande. Im Geschichtsunterricht in einer achten Klasse bewährte sich die Planung und Durchführung eines solchen zeit- und altersgemäßen Erinnerns, dem forschenden Lernen, am Beispiel des ehemaligen Zwangs- und Flüchtlingslagers „Grüner Jäger“ in Geesthacht. Neben Informationen aus dem GeesthachtMuseum!, dem Krügerschen Haus, standen Zeitzeugen und eine geführte Begehung des Areals an der B 5 zwischen Lauenburg und Geesthacht im Mittelpunkt des Erarbeitungsprozesses. Im Anschluss sollten die Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke des Tages in eine anschauliche Präsentation bringen und der Klasse vorstellen. Interessant zu beobachten war, wie sich tatsächlich eigene Interessenschwerpunkte in den einzelnen Gruppen bildeten. Neben der sich anschließenden Diskussion, was die Unterschiede zwischen einem Denkmal oder Mahnmal sind, und ob eine „bauliche“ Erinnerung für die städtische Erinnerungskultur des mittlerweile verwilderten und vergessenen (?) Ortes der Stadtgeschichte nicht ausgesprochen wertvoll wäre, gab es die bleibende Quintessenz meinerseits, dass Projektlernen nicht immer im konkret angebundenen Kontext des Unterrichts stattfinden muss, sondern genauso rein methodischer und lebensweltbeziehender Zwecke dienen kann.

Nun zum in der Überschrift benannten Kursprojekt, welches im geschichtsdidaktischen Sinne als „Widerspiegelung großer Ereignisse am eigenen Ort“[ii] verortet werden kann. Im Sommer 2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal. Am 1. August 1914 entbrannte in Europa ein Krieg, in den im Laufe von vier Jahren insgesamt 40 Länder verwickelt wurden. Er veränderte Europas Landkarte grundlegend und prägte das 20. Jahrhundert. Doch woher und wieviel mag eine heutige Oberstufenschülerin oder ein heutiger Oberstufenschüler der Geburtsjahrgänge 1996 bis 1998 wissen, was damals passiert ist und welche Auswirkungen dies auf die Lebenswelt, eventuell sogar Gleichaltriger, in der damaligen Zeit hatte? Schwierig, hier einerseits Interesse zu wecken bzw. empathische Bezüge herzustellen. Da vor allem Mädchen am Thema Krieg häufig nicht viel Motivierendes finden, während die Jungen im Gegensatz dazu, über die technische Leistung einer Waffengattung mehr wissen, als sie deren Wirkung dann tatsächlich menschlich einschätzen können und wollen.

Das Projekt konnte von mir komplett in den Unterrichtsgang integriert werden, da der 1. Weltkrieg im Rahmen des Deutschen Kaiserreichs und des europäischen Imperialismus aktuelles Unterrichtsthema gemäß den schulischen Vorgaben war. Wir starteten kurz vor Ende des 2. Halbjahres der Einführungsphase, zum Abschluss kamen wir im 1. Halbjahr des neuen Schuljahres der Qualifizierungsphase, indem die Schülerinnen und Schüler exemplarisch die Biografie eines Geesthachters, der an den Folgen einer Krankheit starb, die er sich in den unsagbaren Zuständen der Schützengräben zuzog, vor externem Publikum vorstellten.

Kriegerdenkmal auf dem alten Friedhof, Einweihung 1922

Kriegerdenkmal auf dem alten Friedhof, Einweihung 1922

Den Schülerinnen und Schüler fehlte zu Beginn jeglicher Bezug zum 1. Weltkrieg. Auf Nachfragen gab es einen Schüler, der wusste, dass sich seine Mutter oder sein Vater „da mal mit der familiären Vergangenheit von Opa oder Uropa beschäftigt hätte“. Konkreteres wusste er jedoch nicht zu berichten. Denkmäler zum 1. Weltkrieg waren bei einigen Schülerinnen und Schülern bekannt, die Friedenseiche an der B 5[iii] dagegen scheint im tradierten Geschichtsbewusstsein der Stadt keine Rolle mehr zu spielen. Mein inhaltlicher Ausgangspunkt war daher die per Internet zugängliche Dokumentation von Krieger- und Kriegsdenkmälern in Geesthacht[iv], erstellt durch den Heimatbund und Geschichtsverein des Herzogtum Lauenburg (Bezirksgruppe Geesthacht). Die Schülerinnen und Schüler informierten sich gruppenteilig über die Entstehung dreier regionaler Denkmäler[v]. Die Denkmäler wurden aufgesucht und für eine Kurzvorstellung im Unterricht fotografiert. Dazu gehörte, die auf den Denkmälern erwähnten Opfer des 1. Weltkrieges zu transkribieren und sich somit eine zahlenmäßige Vorstellung über die Beteiligung Geesthachter Familien am 1. Weltkrieg zu verschaffen. Trotz verschiedener gleicher Namen der auf den Denkmälern vermerkten Männer mit Nachnamen der Kursteilnehmer, gab es für sie offensichtlich keinen persönlichen Bezug.

Im Anschluss an diese kleine Vorarbeit begaben wir uns im Juni 2014 mehrfach ins städtische Archiv im Rathaus von Geesthacht. Dort sondierten und sortierten Herr Niemann und Herr Knust, vom oben erwähnten Heimatbund- und Geschichtsverein, gerade in Vorbereitung einer Ausstellung zum 1. Weltkrieg im September, verschiedenste zeitgenössische Findstücke – allesamt von Geesthachter Familien. Es wurde uns eine große Sammlung an Fotos und Feldpostkarten präsentiert, Militärpässe konnten gesichtet, zeitgenössisches Kriegsspielzeug bestaunt werden. Erschreckend die Vielzahl an Sterbeanzeigen aus der lokalen Zeitung. Geschichte zum Anfassen sozusagen. An dieser Stelle merkte man erstaunlich gut, das sich stetig entwickelnde Interesse der Schülerinnen und Schüler, sich intensiver mit einigen Materialien auseinandersetzen zu wollen.

Nach den Sommerferien ging es entsprechend reduzierter im Umfang weiter. Durch Herrn Niemann bekamen wir eine komplette Materialzusammenstellung zu Emil Haberland. Beginnend mit den Geburts- und Heiratsurkunden seiner Eltern, Tauf- und Konfirmationsbescheinigungen, dem Militärpass, Feldpostkarten, Fotos bis hin zur Sterbeanzeige und den politischen Nachwehen in der NS-Diktatur – Emils Familie bekam das Ehrenkreuz für Hinterbliebene des 1. Weltkrieges. So war es den Schülerinnen und Schülern möglich, sich ein umfassenderes Bild zu Emils Person zu machen. In der Ergebnissicherung hatten sie freie Hand. Durch die Materialauswahl konnte ich den schulischen Zeitrahmen perfekt als Starthilfe zur Verfügung stellen, nichtsdestotrotz war es notwendig, dass sie außerschulisch daran weiterarbeiteten.

Zielführend zur Eröffnung der Ausstellung im Museum Mitte September [2014], waren dann die erarbeiteten Ergebnisse fertig. Sich neben der Schule noch am Abend im Museum einzufinden und konzentriert einem Vortrag [Kriegsschuldfrage…] mit anschließender Diskussion zu verfolgen, war eine neue Erfahrung für den Kurs. Auch weil sich ein doch deftiger Wort- und Meinungsaustausch zwischen dem Referenten Herrn Dr. Boehart und einem Zuhörer ergab. Die sich anschließende ungeprobte Vorstellung der eigenen Ergebnisse bekam entsprechende Honoratioren durch das Publikum. Wie ich fand, war dieser Abend auf jeden Fall eine gewinnbringende Verknüpfung von Jung und Alt.

Neben dem politischen Faktenwissen, warum und wie es zum Ausbruch des 1. Weltkrieges kam, war dieses Projekt eine wunderbare Ergänzung der großen Weltgeschichte auf lokaler Ebene. Denn so lässt sich „bürokratisches“ Wissen des historischen Zeitstrahls hervorragend mit der emotionalen Ebene und den eigenen Wertvorstellungen verbinden. Man sollte die Schülerinnen und Schüler in irgendeiner Art persönlich (be-)treffen können, um sie in ein für sich sinnhaftes Urteil führen zu können. Sonst sind es nur übertragene Wahrnehmungen und subjektiv gefiltertes Wissen der Lehrerin. Als gute Abrundung dieser Betroffenheit bewies sich die französische Dokumentation „14-18 – Europa in Schutt und Asche“ von Jean-François Delassus aus dem Jahr 2010, die ich an dieser Stelle gern noch empfehlen möchte. [Und bei

Emil Haberland

Emil Haberland

Emil Haberland ist auf dem Kriegerdenkmal des Alten Friedhofs in der Berliner Straße in Geesthacht vermerkt. Ein Geesthachter Kriegsteilnehmer hat mit diesem Projekt nicht nur ein Gesicht bekommen, sondern einen biographischen Einblick möglich gemacht, der wohl etwas länger im Gedächtnis der Schülerinnen und Schüler verbleiben wird.“

Verweise:
[i] vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, Seelze-Velber 2010, S.138ff.
[ii] vgl. Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013, S.359
[iii] gegenüber der Post/EasyFitness
[iv] http://www.l-kv.de/fileadmin/user_upload/lkv/bilder/Volkstrauertag/Info-Tafeln_Geesthacht.pdf [letzter Zugriff 25.01.15]
[v] Kriegerdenkmal auf dem Alten Friedhof, Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Düneberg, Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Grünhof-Tesperhude

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