Resilienz – oder die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen zu kennen

Ein Beitrag zur Blogparade von Herrn Mess: Nur kein Stress! Eine tolle Idee und danke fürs Sammeln der nachdenkenswerten Beiträge, lieber Herr Mess!

Was explizit erwünscht war, ist, dass man nicht über sein Lehrerdasein jammern sollte, dies nicht die Intention zur Blogparade war. Und auch ich sehe meinen Beitrag hier eher als Reflexion.

Natürlich gibt es Zeiten im #Lehrerleben, im dem es schwer fällt, alle Bälle jonglierender Weise in der Luft zu behalten, aber aus meinen beruflichen Erfahrungen vor dem „Zurück an die Schule“, kann ich für mich selbst jedenfalls resümieren, dass Zeit das wertvollste Geschenk in diesem Beruf ist. Zeit nämlich, über die ich in ausreichenden Maße selbst verfügen bzw. mir diese selbst einteilen kann. Außer der unterrichtlichen Kernzeit, die sich zum Glück/Pech auch alle Viertel-/Halbjahre verändert, bestimmt theoretisch niemand darüber, wann ich etwas konkret zu tun haben, es wird (curricular, schul- /klassenorganisatorisch etc.) lediglich vorgegeben, was Ziel meiner Arbeit ist. Ich denke, ich habe mittlerweile deutlich weniger Disstress, der für mich überraschend und aus der Hüfte kommt. Mit Grauen denke ich an meine Zeit als Assistentin zurück: mein Chef regelmäßig in der Schweiz oder in Brasilien, ich im Büro in Berlin: Unterlagen hier, Unterlagen da, jetzt, hier, sofort, gleich. Die alten Zeiten sind nicht immer die guten Zeiten.

Nach meinen 1,5 Jahren Referendariat bin ich nun im dritten Schuljahr als Vollzeitlehrer „am Start“. Dabei kann ich noch nicht einmal sagen, ob ich bereits alle kritischen Situationen durchgespielt habe. Zumindest weiß ich seit diesem Schuljahr mit schriftlichem (Biologie) und mündlichen Abi (Biologie und Geschichte), was mein Kopf zu leisten fähig ist, während andere daneben stehen und ihnen allein davon schwindelig wird, mir zuzuschauen.

ToDo-Listen helfen mir wunderbar. Alles aufschreiben, bis zum letzten Pups, dann schön durchstreichen. Erfolgserlebnisse galore.

Der Umgang mit Schülern entstresst mich. Egal wie blöd irgendetwas gefühlt gerade ist, zwei/drei Minuten in einer Klasse, der Kopf ist frei. Ein Lächeln, weil es sich zwangsläufig aus der Interaktion mit Schülern ergibt, macht das Gemüt auch sonst gleich froh. :-)
(Ich gehöre übrigens zu dem Lehrertyp, der nach den Sommerferien richtig Entzug von der großen Bühne hat und unbedingt wieder vor eine Klasse muss.)

Die Zusammenarbeit mit einem Großteil der KollegInnen entspannt mich. Ich finde, man sollte gemeinsam über das System Schule schimpfen dürfen: nicht immer sind Schüler nur lieb, Vorgesetzte und Eltern gerecht in ihren Erwartungen, ich perfekt in meinen Handlungen. Im optimalen Fall Shared Values mit den Kollegen, wir ergänzen uns, teilen fachliches (und privates) Leid.

Der Umgang mit wenigen KollegInnen dagegen stresst mich. Vor allem in eh schon vollen Pausen. Immer wollen sie all ihre Klassenleitergeschäfte in genau die 20 Minuten pressen, die ich zur Erholung nutzen möchte. Regeln der guten Kommunikation werden dabei selten eingehalten. „Ach, wo ich euch beide schon sehe! Es geht auch schnell… blablablabla“ „Ja, wir beide stehen hier, weil wir miteinander sprechen, nicht, weil wir gerade nur auf dich gewartet haben…“

Lehrer-, Zeugnis- und Fachkonferenzen sehe ich als großen, unterhaltsamen Spaß an. Wenn es dröge wird – was selten der Fall ist – rechne ich den Stundenlohn aller Anwesenden zusammen. Sehe die Geldscheine mit der (diskussions-)heißen Luft des LeZis verschwimmen. Manchmal nutzt unsere Gesellschaft das bildungspolitische BSP nicht optimal aus, in überlangen Diskussionsrunden wird das sehr deutlich.

Hohlstunden entspannen mich. In Ruhe meinen Kaffee trinken, Unterricht nachbereiten, Listen führen, Dinge kopieren, Dinge verteilen, Dinge unterschreiben. Tratsch mit den Kollegen. Stundenplanergedöns.

Unterricht für den nächsten Tag, meist für die nächste Woche bereite ich nach meinem regulären Unterricht vor. Gern an den Tagen, wo ich eh schon 7./8. Stunde habe. An 3 von 5 Tagen bin ich so nicht viel vor 18 Uhr daheim, habe aber alles Planerische erledigt. Da ein Großteil der KollegInnen die Schule fluchtartig nach dem Unterricht verlässt, einige wenige sich in ihre Kabinette zurückziehen, habe ich das LeZi für mich allein. Kaffee in Griffweite, Scanner/Kopierer und Bio-Sammlung in Laufweite.

Korrekturen funktionieren seltsamerweise nur in den eigenen vier Wänden, gern in Marathonsitzungen. Schriftliche Überprüfungen in der SekI gibt es immer erst nach 14 Tagen wieder; Klausuren liegen bis max. 4 Wochen.

Im ersten Halbjahr 2013/14 wohnte ich noch 25 Minuten Autostrecke entfernt von der Schule. Der Rückweg, die Parkplatzsuche, gefühlte Lebenszeitverschwendung. Mit großem Glück eine richtig schöne Wohnung mit Garten und Meganachbarn (=Vermietern), nur 7 Minuten Fußweg zur Schule, gefunden. Das hat viel in meinem privaten und beruflichen Setting verändert.

Am Ende die Pflicht in der Kür: Ausdauersport (bei mir ist es Schwimmen) und einen Tag in der Woche nichts für die Schule tun (bei mir meist Samstag). Daneben ziehe ich derzeit viel Kraft aus meiner Rückkehr an die Uni (mein Diss.-Projekt). Sich intellektuell mit Texten/Diskursen/Turns auseinanderzusetzen, allein der Auseinandersetzung wegen. Das tut sehr gut.

Wie mein Titel schon sagt. Resilienz ist wichtig. Erkennen oder besser: anerkennen, wo meine Leistungsfähigkeit liegt. Wo meine Grenzen. Ab wann tut es weh? Und Schule ist nicht alles. Mein Leben hat so viele Facetten.

Ein Gedanke zu „Resilienz – oder die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen zu kennen

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