[ˈliːmən] 2008 – Immobilienblase und Berufswege

CC0 by Thomas Wolter/pixabay

Als 2008 in Folge der sogenannten „Immobilienblase“ die amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz ging, was eine saftige Finanzkrise auch auf dem europäischen Markt nach sich zog, hatte das für meine kleine Lebenswelt sichtbare Auswirkungen.

Zwischen 2006 und 2009 arbeitetet ich in Berlin für eine Schweizer Heuschrecke, einem Zwischenhändler im Immobiliengeschäft. Da diese Firma in den 2010er Jahren pleite ging, braucht es deren Erwähnung hier nicht einmal aus sentimentalen Gründen. Wir erwarben einzelne Mehrfamilienhäuser und/oder ganze Immobilienpakete quer über Berlin und Ostdeutschland verteilt. Diese Häuser mussten zwingend einen Sanierungsrückstand haben, da wir diese Immobilien im Idealfall an Endkunden weiterverkauften, die diese dann längerfristig im eigenen Bestand hielten. Der eigentliche Gewinn für uns zog sich aus dem Paket von einer angeschlossenen Bau- und Vermietungsabteilung. Wir übernahmen die Modernisierung, die Verwaltung und die damit einhergehenden Modernisierungsumlagen bzw. Neuvermietungen bei Leerstand. So dass wir ganze Portfolios weiterveräußerten, die dem Endkunden wenig Aufwand, aber eine hohe Rendite versprachen („Wertanlagen mit Substanz“), da ja durch Sanierungsmaßnahmen die Mieten im Schnitt um 10%+x erhöht werden konnten. Tolle Idee, aber mit zwei kapitalen Risiken: Zwischenfinanzierungen, um die Immobilien kurzzeitig zu uns zu transferieren und Festpreiskalkulationen im Verkauf. War der Umbau dann teurer als eingeschätzt, gingen die Kosten auf unser Konto.

Der Firma ging es in den Anfangsjahren mega, mega gut – mein Einstieg erfolgte eigentlich auf dem Höhepunkt der Entwicklungen. Firmensitz am Potsdamer Platz (2./8. und 10. Etage), exklusive Weihnachtsfeiern im damals hoch angesagten Goya am Nollendorfplatz, Firmenwagen von BMW. Tempelhof war noch als Flughafen aktiv, unser Chef hatte natürlich einen Privatjet. Unsere Endkunden waren europaweit aktiv, also musste spontan ein Meeting in Kopenhagen oder Rom möglich sein. Ich war als Assistenz des Leiter Einkaufs angestellt. Was in dem Fall hieß, dass ich auch alle privaten Angelegenheiten zu organisieren und zu lösen (!) hatte. Ein Fulltime-Job neben dem Aufspüren von interessanten Immobilien und deren gesamten Einkaufs-Prozedere: von der Due-Diligence-Prüfung, Erstellung von Bankunterlagen für die Zusicherung einer Zwischenfinanzierung bis hin zum notariellen Vertrag. Was ich gelernt habe? Ein perfektes Selbstmanagement ist zwingend nötig. Selbstüberschätzung gehört zum Geschäft, während andere noch überlegten, ob der Deal fair wäre, wurde bei uns der Deal abgeschlossen. Mein Vorteil war, dass ich mich in Ostdeutschland auskannte, schon immer kommunikativ und geschäftstüchtig war, mein Nachteil war, dass ich immer ehrlich sein wollte.

An den Zwischenfinanzierungen für uns und den Kreditzusagen für die Endkunden mangelte es später. Unsere Immobilien waren hochriskante Investmentobjekte, bereits damals nicht zu vergleichen mit den Mehrfamilienhäusern in guten Lagen in Charlottenburg/Wilmersdorf. Zwischenfinanzierungen wurden anfänglich nur ein bis zwei Jahre gesucht und gebraucht, länger sollten Immobilien ja eh nie bei uns bleiben. Der unmittelbare Turnaround einer Immobilie war unser Ziel. Zum Teil wurden Bauarbeiten begonnen, um die Immobilien attraktiver für den Verkauf zu machen. Erst einmal zeigen, was die Immobilie leisten könnte. Blindflug ohne Fallschirm. Ende 2007 deuteten sich die ersten Schwierigkeiten an, ein wichtiger irischer Kunde war zahlungsunfähig. Ab Anfang 2008 versuchten wir eine Umstellung in der Firmen-Philosophie, damit sich einige dieser Häuser kurzfristig selbst tragen, wir weiterbauen konnten; mit der Lehman-Pleite 2008 war dann nix mehr zu machen, die Banken waren zu ängstlich. Die Großkunden fielen aus, Verhandlungen über unser Filetstück an der Möckernstraße gerieten eher zur Farce, denn zum absehbaren Erfolg.

Ende Mai 2009 wurde mein Arbeitsvertrag beendet. Im Nachgang mein Glück, durch die sich anschließende Arbeitslosigkeit habe ich meinen Arsch hochbekommen (müssen) und das Staatsexamen nachgeholt. Ich für meinen Teil hatte ein Happy End.

Zweite Meinung:

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