Archiv der Kategorie: Lehrerleben

Was sich so ansammelt, wenn man sein alltägliches #Lehrerleben beschreibt.

Lehrerraumprinzip

Beim 164. #EDChatDE bin ich dann erst- und letztmalig zugleich mit dabei.
Das Thema Lehrerraumprinzip passt super. ;) Frage 2 und 3 überschneiden sich inhaltlich zum Teil. Kommentiert gern!

F1 Lehrerraumprinzip: Wie sieht der aktuelle Stand an deiner Schule/Institution aus?

Mit Beginn des Schuljahres 2014/15 hat das Kabinettsystem/LRP bei uns an der Schule Einzug gehalten. Wir sind also im dritten Jahr. Pläne dazu lagen schon etwas länger vor, ließen sich aber erst mit dem Wechsel der Direktion durchsetzen. Eine für dieses Konzept offene Schulleitungsebene braucht es also allemal und grundlegend.

F2 Welche Vorteile/ Nachteile hat deiner Meinung nach das LRP?

Es gibt Kolleginnen und Kollegen (KuKs) die eindeutig von diesem System profitieren: Vollzeitkräfte mit zwei Sprachen und/oder geisteswissenschaftlichen Fächern und/oder Mathematik. Diese werden ihre Räume deutlich aufhübschen und gestalten, da sie sich ihrem Nest quasi auf lange Zeit sicher sein können. Kein Rumgezerre mehr an den Tischen, endlich eine Sitzordnung bzw. Tischkombinationen, die dem Fach- und eigenen Methodenanspruch genügen.

Manche Räume sind bei uns echt toll geworden. Einige KuKs haben ihren häuslichen Arbeitsplatz komplett in die Schule verlegt, korrigieren nicht einmal mehr daheim.

Teilzeitkräfte werden aus logistischen Gründen meist kein „eigenes“ Kabinett zur Verfügung gestellt bekommen (siehe Organisation). Sport, Musik, Kunst, Biologie, Chemie, Physik sowie Informatik werden weiterhin in den dafür vorgesehenen Fachräumen unterrichtet. Diese sind zumeist ja eh schon wie Kabinette organisiert oder zumindest – aus praktischen Erwägungen – bei den KuKs der Fachschaften so eingeteilt. KuKs mit Fachraum-Fächern werden also entweder wie Teilzeitkräfte verbucht oder haben gar kein Kabinett (in der Fächerkombination Physik/Chemie z.B.).

Einige KuKs entziehen sich dem LeZi nahezu komplett. Sie kommen dort fast gar nicht mehr vorbei. Parkplatz –> Kabinett/ Unterricht/ Pausenaufsichten/ Kopierer/ Vertretungsplan/ Unterricht –> Parkplatz

Nicht alle KuKs verändern etwas an den Räumen. Dass diese bunter/optimierter/ausgereifter werden, ist ein Prozess, der Jahre dauert oder möglicherweise überhaupt nicht angenommen wird.

Die Aufenthalts- und Rückzugsbereiche der SuS werden dezimiert, gleichzeitig sind sie deutlich mehr in Bewegung. Hier sollte von vornherein über alternative Räume bzw. (überdachte) Bereiche nachgedacht werden. Auf unseren Schulhöfen wurden über den Elternverein Picknicktische gesponsert.

Weniger Schäden am Mobiliar und in den Räumen, mehr Lärm und auch Dreck im Schulgebäude (leider!).

F3 Was ist bei der Organisation des LRP zu beachten?

Natürlich eine gewisse Vorlaufzeit, da die klassischen Institutionen der Lehrer- und Schulkonferenz zu durchlaufen sind. Von Vorteil ist es, wenn die SuS und Eltern frühzeitig mit ins Boot (alias „Arbeitskreis Kabinettsystem“) geholt werden, z.B. waren bei uns Mitglieder aller 3 Gruppen zu Besuch an Schulen, die bereits mit diesem Prinzip arbeiten, um dann wiederum als „Verstärker“ in ihre Gruppen hinein zu kanalisieren. Unsere Vorlaufzeit begann im Herbst des Schuljahres davor.

In der Regel hat man mehr KuKs, die einen eigenen Raum möchten, als die tatsächliche Raumsituation der Schule hergibt. Kooperationen sind zwangsläufig notwendig. Entsprechend profitieren nur ca. 50% der Kollegen, alle anderen (Teilzeit, Fachraumlehrer) müssen trotzdem bei der Pro-Entscheidung mitziehen. Fachraumlehrer unterstützen das System eigentlich immer, da sie eh kein anderes Unterrichtsmodell kennen.

An einer Schule gibt es unterschiedliche Licht-/Wärme-/Geruchsverhältnisse. Lasst die KuKs selbst wählen, in welchem Trakt sie ihr zukünftiges Kabinett haben wollen.

Unsere Schule ist seit den 80er Jahren organisch gewachsen. Die Räume des Orientierungs- und Mittelstufentrakts sind annähernd gleich groß, Räume im Hauptgebäude z.T. kleiner, was zu Umbuchungen/Verlegungen bei Klassenstärken über 28 SuS führt. Ungünstig für alle Seiten.

Stundenplanerisch kann über UNTIS jedem Lehrer ein Stammraum zugeordnet werden, vorher waren diese bei den Klassen. Doppelbelegungen können durch geschickte Vorplanung verhindert werden. So kann darauf geachtet werden, dass sich die freien Tage bei Kabinett-Teams nicht gleichen etc.

Kabinette müssen zum Teil jedes Schuljahr neu zugeordnet (Schwangerschaft, Wechsel von Voll- auf Teilzeit) bzw. die Teams neu gemischt werden. Hat z.B. der E-Jahrgang Dienstag in der 3. und 4. Stunde Französisch, dann kann es schon passieren, dass 2 KuKs in der selben Unterrichtsschiene mit Franz1 und Franz2 parallel laufen. Einer von beiden muss planerisch weichen.

Aufsichtsbereiche und Pausenzeiten können/müssen neu durchdacht werden. Die SuS sind immer mit all ihren Sachen unterwegs. Wir haben als Lösung dafür mehr Schließfächer angeschafft.

Der Arbeitskreis sollte den Prozess nach Durchsetzung/Einführung weiterhin begleiten und bei Schulkonferenzen ein Feedback geben.

F4 Wer sorgt für die Ausstattung der Räume? Schulträger oder jeder selbst?

Teils, teils. Bestuhlung und Tische wie gehabt. Technik und Whiteboard-Tafeln vom Schulträger; Farbe, Regale und vielleicht ein Bürostuhl oder eine Couch (sic!) vom Kabinettinhaber. Beamer mussten so nur für die Räume angeschafft werden, wo es die KuKs auch brauchten.

F5 ./.

LRP

F6 Inwieweit profitieren SuS vom LRP?

Falscher Ansatz, der versucht, den Eltern und SuS das LRP als ein Produkt schmackhaft zu machen. Es ist unsere pädagogische Entscheidung im Kollegium, wie wir unseren Unterricht/unsere Lehrumgebung besser gestalten wollen und können! Die SuS profitieren, weil wir LuLs einen an unsere Methoden zufriedenstellenden Raum eingerichtet haben. Meine Technik funktioniert so, wie ich sie benötige. Unterlagen und Bücher sind vorhanden. Die Reibungsverluste organisatorischer Art sind deutlich geringer. Ein entspannter Lehrer ist ein besserer Lehrer. Von dem her profitieren die SuS.

F7 Bei Umsetzung des LRP: Brauchen wir noch ein Lehrerzimmer? Wozu?

Auf jeden Fall! Einen Ort der Kommunikation und für kollegiale Treffen benötigt es doch weiterhin, oder nicht? Die Lehrerkonferenz muss irgendwo stattfinden und kann nicht in ein Betahaus outgesourct werden, nicht jede Schule hat einen genug großen Konferenzraum.

Ich habe im LeZi mittlerweile mehr Ruhe und eigentlich ist das mein neuer Arbeitsplatz an der Schule geworden. Kopierer, Kaffee, Drucker, Stundenplanerbüro – alles in Reichweite. In der Biologie-Sammlung habe ich mich schon immer wie auf einer Isolierstation gefühlt.

F8 Welche Anregungen, Fragen hast du sonst noch zum Thema “Lehrerraumprinzip – Heimatlosigkeit der SuS oder Steigerung der Unterrichtsqualität?”

Ich unterrichte als Vollzeitkraft 25,5h/Woche in Sch-H, was derzeit stundenplanerisch 26h/Wochenunterricht bedeutet. Davon 3h Medien und Öffentlichkeit im Wahlpflichtbereich (1 Kurs), 4h Geschichte (2 Klassen/Kurse), 19h Biologie (8 Klassen/Kurse). Mit einem Bio/Englisch-Kollegen teile ich mir ein Kabinett, inzwischen mein Drittes. Daher bin ich nicht wirklich sesshaft und kreativ geworden. Meine Anwesenheit bezieht sich auf 2 Klassen in Geschichte, die ich am selben Tag unterrichte, d.h. mein Kabinett betrete ich 1-2x die Woche, da ich dort ab und an noch mit dem Medienkurs bin. (Da ich „zufällig“ den Raum bekommen habe, wo das Smartboard hängt und ich damit gern arbeite bzw. umgehen kann.)

Das LRP hat mir persönlich nichts gebracht, schränkt mich aber dagegen nicht weiter ein. Weswegen für mich der sichtbare Vorteil und die Zufriedenheit (Lehrergesundheit!) bei einigen meiner KuKs überwiegt.

Plus: Parallel mit dem 2. Halbjahr des Kabinettsystems gab es ein technisches Problem mit der Gonganlage. Eine Reparatur zog sich Monate, so dass wir irgendwann komplett auf das Klingeln verzichtet haben und bis heute geblieben sind.

Resilienz – oder die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen zu kennen

Ein Beitrag zur Blogparade von Herrn Mess: Nur kein Stress! Eine tolle Idee und danke fürs Sammeln der nachdenkenswerten Beiträge, lieber Herr Mess!

Was explizit erwünscht war, ist, dass man nicht über sein Lehrerdasein jammern sollte, dies nicht die Intention zur Blogparade war. Und auch ich sehe meinen Beitrag hier eher als Reflexion.

Natürlich gibt es Zeiten im #Lehrerleben, im dem es schwer fällt, alle Bälle jonglierender Weise in der Luft zu behalten, aber aus meinen beruflichen Erfahrungen vor dem „Zurück an die Schule“, kann ich für mich selbst jedenfalls resümieren, dass Zeit das wertvollste Geschenk in diesem Beruf ist. Zeit nämlich, über die ich in ausreichenden Maße selbst verfügen bzw. mir diese selbst einteilen kann. Außer der unterrichtlichen Kernzeit, die sich zum Glück/Pech auch alle Viertel-/Halbjahre verändert, bestimmt theoretisch niemand darüber, wann ich etwas konkret zu tun haben, es wird (curricular, schul- /klassenorganisatorisch etc.) lediglich vorgegeben, was Ziel meiner Arbeit ist. Ich denke, ich habe mittlerweile deutlich weniger Disstress, der für mich überraschend und aus der Hüfte kommt. Mit Grauen denke ich an meine Zeit als Assistentin zurück: mein Chef regelmäßig in der Schweiz oder in Brasilien, ich im Büro in Berlin: Unterlagen hier, Unterlagen da, jetzt, hier, sofort, gleich. Die alten Zeiten sind nicht immer die guten Zeiten.

Nach meinen 1,5 Jahren Referendariat bin ich nun im dritten Schuljahr als Vollzeitlehrer „am Start“. Dabei kann ich noch nicht einmal sagen, ob ich bereits alle kritischen Situationen durchgespielt habe. Zumindest weiß ich seit diesem Schuljahr mit schriftlichem (Biologie) und mündlichen Abi (Biologie und Geschichte), was mein Kopf zu leisten fähig ist, während andere daneben stehen und ihnen allein davon schwindelig wird, mir zuzuschauen.

ToDo-Listen helfen mir wunderbar. Alles aufschreiben, bis zum letzten Pups, dann schön durchstreichen. Erfolgserlebnisse galore.

Der Umgang mit Schülern entstresst mich. Egal wie blöd irgendetwas gefühlt gerade ist, zwei/drei Minuten in einer Klasse, der Kopf ist frei. Ein Lächeln, weil es sich zwangsläufig aus der Interaktion mit Schülern ergibt, macht das Gemüt auch sonst gleich froh. :-)
(Ich gehöre übrigens zu dem Lehrertyp, der nach den Sommerferien richtig Entzug von der großen Bühne hat und unbedingt wieder vor eine Klasse muss.)

Die Zusammenarbeit mit einem Großteil der KollegInnen entspannt mich. Ich finde, man sollte gemeinsam über das System Schule schimpfen dürfen: nicht immer sind Schüler nur lieb, Vorgesetzte und Eltern gerecht in ihren Erwartungen, ich perfekt in meinen Handlungen. Im optimalen Fall Shared Values mit den Kollegen, wir ergänzen uns, teilen fachliches (und privates) Leid.

Der Umgang mit wenigen KollegInnen dagegen stresst mich. Vor allem in eh schon vollen Pausen. Immer wollen sie all ihre Klassenleitergeschäfte in genau die 20 Minuten pressen, die ich zur Erholung nutzen möchte. Regeln der guten Kommunikation werden dabei selten eingehalten. „Ach, wo ich euch beide schon sehe! Es geht auch schnell… blablablabla“ „Ja, wir beide stehen hier, weil wir miteinander sprechen, nicht, weil wir gerade nur auf dich gewartet haben…“

Lehrer-, Zeugnis- und Fachkonferenzen sehe ich als großen, unterhaltsamen Spaß an. Wenn es dröge wird – was selten der Fall ist – rechne ich den Stundenlohn aller Anwesenden zusammen. Sehe die Geldscheine mit der (diskussions-)heißen Luft des LeZis verschwimmen. Manchmal nutzt unsere Gesellschaft das bildungspolitische BSP nicht optimal aus, in überlangen Diskussionsrunden wird das sehr deutlich.

Hohlstunden entspannen mich. In Ruhe meinen Kaffee trinken, Unterricht nachbereiten, Listen führen, Dinge kopieren, Dinge verteilen, Dinge unterschreiben. Tratsch mit den Kollegen. Stundenplanergedöns.

Unterricht für den nächsten Tag, meist für die nächste Woche bereite ich nach meinem regulären Unterricht vor. Gern an den Tagen, wo ich eh schon 7./8. Stunde habe. An 3 von 5 Tagen bin ich so nicht viel vor 18 Uhr daheim, habe aber alles Planerische erledigt. Da ein Großteil der KollegInnen die Schule fluchtartig nach dem Unterricht verlässt, einige wenige sich in ihre Kabinette zurückziehen, habe ich das LeZi für mich allein. Kaffee in Griffweite, Scanner/Kopierer und Bio-Sammlung in Laufweite.

Korrekturen funktionieren seltsamerweise nur in den eigenen vier Wänden, gern in Marathonsitzungen. Schriftliche Überprüfungen in der SekI gibt es immer erst nach 14 Tagen wieder; Klausuren liegen bis max. 4 Wochen.

Im ersten Halbjahr 2013/14 wohnte ich noch 25 Minuten Autostrecke entfernt von der Schule. Der Rückweg, die Parkplatzsuche, gefühlte Lebenszeitverschwendung. Mit großem Glück eine richtig schöne Wohnung mit Garten und Meganachbarn (=Vermietern), nur 7 Minuten Fußweg zur Schule, gefunden. Das hat viel in meinem privaten und beruflichen Setting verändert.

Am Ende die Pflicht in der Kür: Ausdauersport (bei mir ist es Schwimmen) und einen Tag in der Woche nichts für die Schule tun (bei mir meist Samstag). Daneben ziehe ich derzeit viel Kraft aus meiner Rückkehr an die Uni (mein Diss.-Projekt). Sich intellektuell mit Texten/Diskursen/Turns auseinanderzusetzen, allein der Auseinandersetzung wegen. Das tut sehr gut.

Wie mein Titel schon sagt. Resilienz ist wichtig. Erkennen oder besser: anerkennen, wo meine Leistungsfähigkeit liegt. Wo meine Grenzen. Ab wann tut es weh? Und Schule ist nicht alles. Mein Leben hat so viele Facetten.

[Veröffentlichung] Projekte zur Erinnerungskultur im Geschichtsunterricht

Band 199 der „Lauen­burgischen Heimat“ ist ab sofort für 12,50 Euro erhältlich.

Für und neben dem Geschichtsunterricht ergaben sich bei mir zwei schöne Projekte. Erst mit meiner eigenen Neun, dann mit dem Oberstufenkurs. Gerade weil ich derzeit nicht viel Geschichte unterrichte – meine biologische Qualifikation wird unterrichtsplanerisch mehr gebraucht – macht es mir natürlich doppelt Freude, meine Leidenschaft für das Historische anderweitig vertiefend auszuleben. ;-)

Die Ergebnisse aus den Projekten werden und wurden aufgearbeitet, es ergaben sich nicht nur die hier nun verlinkten Tafeln, sondern ebenso eine Veröffentlichung meinerseits im passenden Themenheft des lokalen Heimatbund und Geschichtsvereins: der Lauenburgischen Heimat. Die Tafeln werden übrigens ab dem 4. Mai 2015 für 3 Monate im Mahnmal Kilian-Bunker in Kiel ausgestellt.

Ergebnisse:

Tafeln
Projekt I – Flüchtlingslager/2013
Projekt II – Emil Haberland/2014

Veröffentlichung in der Lauenburgischen Heimat, Bd. 199, März 2015, S. 81-85
Vorstellung eines lokalgeschichtlichen Kursprojektes der gymnasialen Oberstufe des Otto-Hahn-Gymnasiums Geesthacht: „Kriegsteilnehmern Geesthachts ein Gesicht geben“ [von AL]

„Bevor das Projekt in seiner zeitlichen Dimension genauer beschrieben wird, soll zunächst eine knappe didaktisch-methodische Hinführung, den Wert und die Stellung solch eines Projektes für den Geschichtsunterricht skizzieren. Daneben soll meine Erfahrung mit einem vorangegangenen Projekt, meine Motivation für dieses und zukünftige Projekte darlegen.

Projektunterricht bzw. „forschendes Lernen“ im Geschichtsunterricht bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler ein historisches Thema möglichst selbstständig erarbeiten und zu eigenen Einsichten gelangen. Sie stoßen – nicht nur im Idealfall – von sich aus auf Probleme und bilden eigenständig neue Fragen. Dabei untersuchen sie zeitgenössische Materialien, entwickeln einen Arbeitsplan und formulieren und präsentieren ihre Antworten und Ergebnisse. Es geht dabei nicht nur um die Sache an sich, sondern um den Erwerb unterrichtsmethodischer Verfahren (hier: Beschäftigung mit Originalquellen verschiedener Art), sich selbstbestimmt in ein unbekanntes Gebiet einzuarbeiten, ist, wie man heute gern sagt, eine „Schlüsselkompetenz“ über den Bereich eines Faches hinaus. Nicht vergessen sollte man als Lehrer dabei, dass diese Art von Unterricht die klassische Schulroutine gewinnbringend durchbricht und sehr motivierend für das Fach sein kann.[i]

Bereits im Herbst 2013 kam der Kontakt mit Frau Ammermann im Rahmen unseres ersten gemeinsamen Projekts im Zuge der Wanderausstellung „Unbequeme Denkmäler“ zustande. Im Geschichtsunterricht in einer achten Klasse bewährte sich die Planung und Durchführung eines solchen zeit- und altersgemäßen Erinnerns, dem forschenden Lernen, am Beispiel des ehemaligen Zwangs- und Flüchtlingslagers „Grüner Jäger“ in Geesthacht. Neben Informationen aus dem GeesthachtMuseum!, dem Krügerschen Haus, standen Zeitzeugen und eine geführte Begehung des Areals an der B 5 zwischen Lauenburg und Geesthacht im Mittelpunkt des Erarbeitungsprozesses. Im Anschluss sollten die Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke des Tages in eine anschauliche Präsentation bringen und der Klasse vorstellen. Interessant zu beobachten war, wie sich tatsächlich eigene Interessenschwerpunkte in den einzelnen Gruppen bildeten. Neben der sich anschließenden Diskussion, was die Unterschiede zwischen einem Denkmal oder Mahnmal sind, und ob eine „bauliche“ Erinnerung für die städtische Erinnerungskultur des mittlerweile verwilderten und vergessenen (?) Ortes der Stadtgeschichte nicht ausgesprochen wertvoll wäre, gab es die bleibende Quintessenz meinerseits, dass Projektlernen nicht immer im konkret angebundenen Kontext des Unterrichts stattfinden muss, sondern genauso rein methodischer und lebensweltbeziehender Zwecke dienen kann.

Nun zum in der Überschrift benannten Kursprojekt, welches im geschichtsdidaktischen Sinne als „Widerspiegelung großer Ereignisse am eigenen Ort“[ii] verortet werden kann. Im Sommer 2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal. Am 1. August 1914 entbrannte in Europa ein Krieg, in den im Laufe von vier Jahren insgesamt 40 Länder verwickelt wurden. Er veränderte Europas Landkarte grundlegend und prägte das 20. Jahrhundert. Doch woher und wieviel mag eine heutige Oberstufenschülerin oder ein heutiger Oberstufenschüler der Geburtsjahrgänge 1996 bis 1998 wissen, was damals passiert ist und welche Auswirkungen dies auf die Lebenswelt, eventuell sogar Gleichaltriger, in der damaligen Zeit hatte? Schwierig, hier einerseits Interesse zu wecken bzw. empathische Bezüge herzustellen. Da vor allem Mädchen am Thema Krieg häufig nicht viel Motivierendes finden, während die Jungen im Gegensatz dazu, über die technische Leistung einer Waffengattung mehr wissen, als sie deren Wirkung dann tatsächlich menschlich einschätzen können und wollen.

Das Projekt konnte von mir komplett in den Unterrichtsgang integriert werden, da der 1. Weltkrieg im Rahmen des Deutschen Kaiserreichs und des europäischen Imperialismus aktuelles Unterrichtsthema gemäß den schulischen Vorgaben war. Wir starteten kurz vor Ende des 2. Halbjahres der Einführungsphase, zum Abschluss kamen wir im 1. Halbjahr des neuen Schuljahres der Qualifizierungsphase, indem die Schülerinnen und Schüler exemplarisch die Biografie eines Geesthachters, der an den Folgen einer Krankheit starb, die er sich in den unsagbaren Zuständen der Schützengräben zuzog, vor externem Publikum vorstellten.

Kriegerdenkmal auf dem alten Friedhof, Einweihung 1922

Kriegerdenkmal auf dem alten Friedhof, Einweihung 1922

Den Schülerinnen und Schüler fehlte zu Beginn jeglicher Bezug zum 1. Weltkrieg. Auf Nachfragen gab es einen Schüler, der wusste, dass sich seine Mutter oder sein Vater „da mal mit der familiären Vergangenheit von Opa oder Uropa beschäftigt hätte“. Konkreteres wusste er jedoch nicht zu berichten. Denkmäler zum 1. Weltkrieg waren bei einigen Schülerinnen und Schülern bekannt, die Friedenseiche an der B 5[iii] dagegen scheint im tradierten Geschichtsbewusstsein der Stadt keine Rolle mehr zu spielen. Mein inhaltlicher Ausgangspunkt war daher die per Internet zugängliche Dokumentation von Krieger- und Kriegsdenkmälern in Geesthacht[iv], erstellt durch den Heimatbund und Geschichtsverein des Herzogtum Lauenburg (Bezirksgruppe Geesthacht). Die Schülerinnen und Schüler informierten sich gruppenteilig über die Entstehung dreier regionaler Denkmäler[v]. Die Denkmäler wurden aufgesucht und für eine Kurzvorstellung im Unterricht fotografiert. Dazu gehörte, die auf den Denkmälern erwähnten Opfer des 1. Weltkrieges zu transkribieren und sich somit eine zahlenmäßige Vorstellung über die Beteiligung Geesthachter Familien am 1. Weltkrieg zu verschaffen. Trotz verschiedener gleicher Namen der auf den Denkmälern vermerkten Männer mit Nachnamen der Kursteilnehmer, gab es für sie offensichtlich keinen persönlichen Bezug.

Im Anschluss an diese kleine Vorarbeit begaben wir uns im Juni 2014 mehrfach ins städtische Archiv im Rathaus von Geesthacht. Dort sondierten und sortierten Herr Niemann und Herr Knust, vom oben erwähnten Heimatbund- und Geschichtsverein, gerade in Vorbereitung einer Ausstellung zum 1. Weltkrieg im September, verschiedenste zeitgenössische Findstücke – allesamt von Geesthachter Familien. Es wurde uns eine große Sammlung an Fotos und Feldpostkarten präsentiert, Militärpässe konnten gesichtet, zeitgenössisches Kriegsspielzeug bestaunt werden. Erschreckend die Vielzahl an Sterbeanzeigen aus der lokalen Zeitung. Geschichte zum Anfassen sozusagen. An dieser Stelle merkte man erstaunlich gut, das sich stetig entwickelnde Interesse der Schülerinnen und Schüler, sich intensiver mit einigen Materialien auseinandersetzen zu wollen.

Nach den Sommerferien ging es entsprechend reduzierter im Umfang weiter. Durch Herrn Niemann bekamen wir eine komplette Materialzusammenstellung zu Emil Haberland. Beginnend mit den Geburts- und Heiratsurkunden seiner Eltern, Tauf- und Konfirmationsbescheinigungen, dem Militärpass, Feldpostkarten, Fotos bis hin zur Sterbeanzeige und den politischen Nachwehen in der NS-Diktatur – Emils Familie bekam das Ehrenkreuz für Hinterbliebene des 1. Weltkrieges. So war es den Schülerinnen und Schülern möglich, sich ein umfassenderes Bild zu Emils Person zu machen. In der Ergebnissicherung hatten sie freie Hand. Durch die Materialauswahl konnte ich den schulischen Zeitrahmen perfekt als Starthilfe zur Verfügung stellen, nichtsdestotrotz war es notwendig, dass sie außerschulisch daran weiterarbeiteten.

Zielführend zur Eröffnung der Ausstellung im Museum Mitte September [2014], waren dann die erarbeiteten Ergebnisse fertig. Sich neben der Schule noch am Abend im Museum einzufinden und konzentriert einem Vortrag [Kriegsschuldfrage…] mit anschließender Diskussion zu verfolgen, war eine neue Erfahrung für den Kurs. Auch weil sich ein doch deftiger Wort- und Meinungsaustausch zwischen dem Referenten Herrn Dr. Boehart und einem Zuhörer ergab. Die sich anschließende ungeprobte Vorstellung der eigenen Ergebnisse bekam entsprechende Honoratioren durch das Publikum. Wie ich fand, war dieser Abend auf jeden Fall eine gewinnbringende Verknüpfung von Jung und Alt.

Neben dem politischen Faktenwissen, warum und wie es zum Ausbruch des 1. Weltkrieges kam, war dieses Projekt eine wunderbare Ergänzung der großen Weltgeschichte auf lokaler Ebene. Denn so lässt sich „bürokratisches“ Wissen des historischen Zeitstrahls hervorragend mit der emotionalen Ebene und den eigenen Wertvorstellungen verbinden. Man sollte die Schülerinnen und Schüler in irgendeiner Art persönlich (be-)treffen können, um sie in ein für sich sinnhaftes Urteil führen zu können. Sonst sind es nur übertragene Wahrnehmungen und subjektiv gefiltertes Wissen der Lehrerin. Als gute Abrundung dieser Betroffenheit bewies sich die französische Dokumentation „14-18 – Europa in Schutt und Asche“ von Jean-François Delassus aus dem Jahr 2010, die ich an dieser Stelle gern noch empfehlen möchte. [Und bei

Emil Haberland

Emil Haberland

Emil Haberland ist auf dem Kriegerdenkmal des Alten Friedhofs in der Berliner Straße in Geesthacht vermerkt. Ein Geesthachter Kriegsteilnehmer hat mit diesem Projekt nicht nur ein Gesicht bekommen, sondern einen biographischen Einblick möglich gemacht, der wohl etwas länger im Gedächtnis der Schülerinnen und Schüler verbleiben wird.“

Verweise:
[i] vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, Seelze-Velber 2010, S.138ff.
[ii] vgl. Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013, S.359
[iii] gegenüber der Post/EasyFitness
[iv] http://www.l-kv.de/fileadmin/user_upload/lkv/bilder/Volkstrauertag/Info-Tafeln_Geesthacht.pdf [letzter Zugriff 25.01.15]
[v] Kriegerdenkmal auf dem Alten Friedhof, Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Düneberg, Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Grünhof-Tesperhude

Kompetenzorientierung im Unterricht

Jede einzelne Unterrichtsstunde und jede Unterrichtseinheit muss sich daran messen lassen, inwieweit sie zur Weiterentwicklung inhaltsbezogener und allgemeiner Schülerkompetenzen beiträgt … Die wichtigste Frage ist nicht „Was haben wir durchgenommen?“, sondern: Welche Vorstellungen, Fähigkeiten und Einstellungen sind entwickelt worden?

[Blum, W., Drüke-Noe, C., Hartung, R. & Köller, O. (Hrsg.). (2008). Bildungsstandards Mathematik: konkret. Sekundarstufe I: Aufgabenbeispiele, Unterrichtsanregungen und Fortbildungsideen (4. Aufl.). Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor, S. 15 ff.]

Nun bin ich dran. Und dran und dran und dran… Nach Ideen für die Überarbeitung unseres schulischen Leitbilds geht es weiter in der Fachschaft Geschichte. Kiel verlangt die Ergänzung unseres schuleigenen Curriculums um unsere Kompetenzvorstellungen / -erwartungen / -orientierungen. Nun ja, man tut, wofür man Zeit hat.