KW 37 (2016)

Grausame, ekelhafte Hitze am Montag und Dienstag. Dienstag dann hitzefrei – erstmalig in meiner Lehrerkarriere. Ausfall meines 2stündgen Geschikurses in der Q1. Die Reihenplanung weint. Die letzten Ü25°C am Mittwoch und Donnerstag. Wenngleich angenehmer.

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Mit einer Kollegin nach B. gefahren. Es ging um die neuen Fachanforderungen in Biologie. Alle Versuche der Remonstration von vielen, vielen Fachschaften, hinweg auch über die Verbände, sind ignoriert worden. Was Kiel will, bekommt Kiel. An Hokeys Blog-Artikel gedacht. Alles machbar, aber wieder Aufregung und Anstrengung für alle Fachschaften. (Chemie, Deutsch, Englisch, Geschichte hat es gleichzeitig „erwischt“.) Der Leitfaden fürs schulinterne Curriculum kommt (voraussichtlich) im Februar, die FA gelten seit 1. August. Wir sind also gezwungenermaßen mitten in der Umsetzung. Ab den 5ern aufsteigend den Evogedanken mehr einfließen lassen, sonst wie gehabt. Komplettumstellung ab E. Unterrichtsinhalte, die ehemals Q1.2 und Q2.1 waren, rutschen als „Evolutionsökogie“ ganz nach vorn. Dazu die Basiskonzepte als Hauptmarschrichtung. Natürlich werden „Geschichte und Verwandschaft“ sowie „Variabilität und Anpassung“ verpflichtende Themen für das Abitur. Yeap.

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I. zum Geburtstag gratuliert. Seit dem Ref wenig Kontakt, es verläuft sich irgendwie, wenn nicht beide Seiten immer wieder Anstrengungen unternehmen. Sie ist im August Mutter geworden.

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SMS von meiner Mutter. Die vielleicht dritte überhaupt jemals. Der Papa von A. ist gestorben. Gehirntumor. 1992 verlor sie, als wir 14 waren, ihre Mutter an Brustkrebs. Vor 3 Wochen war ich noch zur Einschulung des Mittleren in H. Die Boblitzer waren auch da. Viel über D. gesprochen. Wenig mit A., die an dem Tag allem und auch mir aus dem Weg zu gehen schien. Am Mittwoch lange miteinander telefoniert. Es ist schwer, sehr schwer. Und ungerecht. Ich kann für sie da sein, aber ihr nichts von ihrem Leid abnehmen. 

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Saisonende im Freibad. Noch 2x die *hinundher* Stunde mitgenommen. Jetzt braucht es bis zum Mai wieder eine andere Lösung zum Adrenalin-Abbau.

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Den Samstag zuvor eine Führung mit Besuch aus NRW über die Reeperbahn mitgemacht. Gelernt, dass die Herbertstraße zur NS-Zeit angeordnet wurde, um die eigentliche Reeperbahn frei von Unsittlichkeit und Unzucht zu bekommen. Auch gelernt, dass der Haarschnitt der Beatles als Idee durch die hamburgische Fotografin der Band eingebracht wurde, da zu der Zeit einige Fotografie-Studenten diese trugen.

Willkommen im 4. Schuljahr (2016/17)

Wieder Unterricht im Blut. Die erste Woche ist geschafft. Obwohl…

Kurslisten, Orga und Bücher (bis auf die Sextaner), Rücksprache mit alpetour für die Oberstufenfahrt in 4 Wochen, Raumplan für uns Biologen, Fachräume wieder begehbar einrichten, Abstimmung im neuen Kabinett-Tandem, neue Fachanforderungen in Biologie und Geschichte. Wobei ich in letzterem Fach nur eine 7 und einen Q1-Kurs abbekommen habe. Daneben 3h WaPf (Medien und Öffentlichkeit) wieder in der Neun. Sonst: 19h Biologie! Bald kann ich den Stoff singen. Eigentlich kommt mir die Fachanforderung in Bio sehr gelegen, ein wenig Remix und Freestyle zu Beginn, da sie doch recht holterdiepolter – und entgegen vieler Kritik aus allen Fachschaften des Landes – über die Sommerferien hinweg durchgedrückt wurde. Was also heißt, dass wir neben dem laufenden Unterricht ein schulinternes Curriculum implementieren. Da ich eine E und zwei 5. Klassen habe, ist klar, wo ich entscheidend mitarbeiten werde.

Aktuell drei Oberstufenkurse. Erwartungsgemäß einmal schriftliches Abitur in Biologie. Bin nach der Feuertaufe mit dem „Erstlingsprofil“  ;) eigentlich guter Dinge. Nur 13 SuS… Im Vergleich zum letzten Schuljahr wird es sicher entspannter. Sonst noch 8 weitere Klassen/Kurse. Bin halt ein Nebenfachlehrer. In 4 Klassen muss ich die Namen neu lernen.

Schwerpunkte in diesem Schuljahr:

  • Präventionskonzept für unsere Schule verschriftlichen
  • Vertretungsplanerassistenz ausfüllen (Untis und ich, langsam können wir sehr gut miteinander)
  • Projekt Stolpersteine in Geesthacht
  • Neuorga des Gilrls‘ and Boys‘ Day an unserer Schule
  • kollegialer Abstand, eigene Gesundheit

Was zum Schuljahr 2015/16 festgehalten werden sollte

Vor zwei Wochen gab es Zeugnisse in meinem Bundesland. Während ich in der letzten Woche noch Mo-Fr in der Schule war, um meinen Aufgaben als Stundenplanerassistenz nachzugehen und zusammen mit J. Untis mit der Vielzahl an Vorbedingungen und Voreingaben für die neuen Stundenpläne zu füttern, war ich in dieser Woche nun wirklich ein wenig urlaubend unterwegs: zum Libori-WE in Paderborn, zwei Nächte/drei Tage Dreden, gerade eher familienorientiert im Spreewald sitzend.

Herr Mess hat euch drüben seine Retrospektive hinterlassen, was mich noch einmal motivierte, meine Gedanken zum letzten Schuljahr zu bündeln.

Mein 3. Schuljahr nach dem Referendariat. Doppeljahrgang in Sch-H, gleichzeitig mein erstes Mal eigene schriftliche (Biologie) und mündliche (Biologie und Geschichte) Abiturverantwortung sowie Entfristungsjahr zur Lebenszeitverbeamtung. Liest sich nicht nur nach viel Arbeit, war auch genau das. Anstrengend war, dass ich noch keine Kalibrierung des zu erwartenden Stresslevels hatte. Viele Gedankenschritte und Handgriffe rund ums Abi (Aufgabenerstellung, Korrektur, Prüfungsgespräche) waren mir bisher unbekannt. Die Schwingungsenergien zwischen meinen Erwartungshaltungen „will ich“, „kann ich“, „wird voraussichtlich so sein“, mussten sich naturgemäß erst einpendeln. Mein Perfektions- und Vorab-Einwand-Wahn sind da nicht unbedingt eine Hilfe. Seit Weihnachten war ich gefühlt unter Dauerstrom, April/Mai/Juni waren ehrlich gesagt ein (zwischenmenschlicher*) Horror. Zu wenig Zeit, das Köpfchen Richtung Privatleben zu heben. Nur Schule, Schule, Schule. Und Schlaf! Manchmal war ich wirklich sehr froh, dass daheim kein Partner sitzt und/oder ein Kind wartet. Deren Bedürfnisse wäre ich definitiv nicht gerecht geworden. Oder ich wäre beruflich explodiert. [Zum implodieren eigene ich mich nicht…]

  • Das Schuljahr in Zahlen: ein Oberstufenkurs Geschichte, drei Oberstufenkurse Biologie (davon 2x Profil), vier Klassen Biologie Orientierungs- bzw. Mittelstufe, einen Kurs in Medien und Öffentlichkeit (Wahlpflichtbereich 8./9. Klasse)
  • Was das Notenheft hergibt: Test/schriftl. Überprüfungen 313 in der Sekundarstufe I, 62 in der Sek II, dazu ungezählte freiwillige Text-/Karikaturanalysen, ca. 91 Referate/Präsentationen/Klausurersatzleistungen, 102 Klassenarbeiten (u.a. Blog-, Podcast-, Video-Projekt), 187 korrigierte Klausuren, davon 21x Bio-Vorabi.
  • 21x schriftliches Abitur im März/April, Ende Juni noch 26 mündliche Prüfungsleistungen obendrauf
  • Klassenleitung in der Oberstufe
  • eine Kursfahrt, eine Klassenfahrt
  • Assistenz des Vertretungs-/Stundenplaners
  • Erarbeitung des Präventionskonzeptes
  • Orga von externen Referenten für Alkohol-/Drogen-/Sexualprävention für verschiedene Jahrgänge
  • Orga um den Girls‘ and Boys’Day
  • Projekt Stolpersteine für Geesthacht (in Zusammenarbeit mit dem lokalen Geschichtsverein)

Wahrscheinlich könnten hier noch ein oder zwei Worte mehr stehen, die mir durch den Kopf gehen. Mein Schülerverhältnis, die tolle Beurteilung vom Direx. Vielleicht auch Dinge, wo ich mich im Sinne der SuS besser selbst disziplinieren müsste (Redezeit, Rollenbild). Wichtig in diesem Schuljahr war für mich, endlich die Pubertät für diese Profession abzulegen. Entspannt und stolz auf das Erreichte zu sein.

* Einmal mehr bin ich an dieser Stelle froh, dass ich wirklich so wahnsinnig tolle Menschen freundschaftlich und kollegial um mich habe, die jederzeit für mich ansprechbar waren bzw. mich ansprachen und mich seelisch entlasteten.

KW 25 (2016) // Endspurt

Das graue Tief nach extrem viel Arbeit. Trotzdem noch so unter Adrenalin, dass ich irgendwas machen möchte. Beschäftigung suchend, weil der Kopf nicht damit klarkommt, dass da nichts strukturiert, korrigiert, organisiert werden muss. Schlimm.

Von 26 SuS die ich in der nächsten Woche mündlich prüfen werde, schrieben bisher 7 eine Panikmail. Trotz Probelauf und Vorbesprechung. Allesamt von Jungs. Muss ich mal darüber nachdenken.😉 Mann (!) hofft, Themen einzugrenzen, auf Lieblingsthemen zu drängen, mir irgendwelche Hinweise aus den Schreibfingern zu quetschen. Da haben sich einige in der Lernorganisation arg verschätzt. Leute, die mündliche Prüfung ist nicht umsonst die vierte Prüfung. (In den nächsten Jahren/Q2-Kursen werde ich mir solche Mails im Vornherein verbitten.)

Noch vier Wochen.

Resilienz – oder die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen zu kennen

Ein Beitrag zur Blogparade von Herrn Mess: Nur kein Stress! Eine tolle Idee und danke fürs Sammeln der nachdenkenswerten Beiträge, lieber Herr Mess!

Was explizit erwünscht war, ist, dass man nicht über sein Lehrerdasein jammern sollte, dies nicht die Intention zur Blogparade war. Und auch ich sehe meinen Beitrag hier eher als Reflexion.

Natürlich gibt es Zeiten im #Lehrerleben, im dem es schwer fällt, alle Bälle jonglierender Weise in der Luft zu behalten, aber aus meinen beruflichen Erfahrungen vor dem „Zurück an die Schule“, kann ich für mich selbst jedenfalls resümieren, dass Zeit das wertvollste Geschenk in diesem Beruf ist. Zeit nämlich, über die ich in ausreichenden Maße selbst verfügen bzw. mir diese selbst einteilen kann. Außer der unterrichtlichen Kernzeit, die sich zum Glück/Pech auch alle Viertel-/Halbjahre verändert, bestimmt theoretisch niemand darüber, wann ich etwas konkret zu tun haben, es wird (curricular, schul- /klassenorganisatorisch etc.) lediglich vorgegeben, was Ziel meiner Arbeit ist. Ich denke, ich habe mittlerweile deutlich weniger Disstress, der für mich überraschend und aus der Hüfte kommt. Mit Grauen denke ich an meine Zeit als Assistentin zurück: mein Chef regelmäßig in der Schweiz oder in Brasilien, ich im Büro in Berlin: Unterlagen hier, Unterlagen da, jetzt, hier, sofort, gleich. Die alten Zeiten sind nicht immer die guten Zeiten.

Nach meinen 1,5 Jahren Referendariat bin ich nun im dritten Schuljahr als Vollzeitlehrer „am Start“. Dabei kann ich noch nicht einmal sagen, ob ich bereits alle kritischen Situationen durchgespielt habe. Zumindest weiß ich seit diesem Schuljahr mit schriftlichem (Biologie) und mündlichen Abi (Biologie und Geschichte), was mein Kopf zu leisten fähig ist, während andere daneben stehen und ihnen allein davon schwindelig wird, mir zuzuschauen.

ToDo-Listen helfen mir wunderbar. Alles aufschreiben, bis zum letzten Pups, dann schön durchstreichen. Erfolgserlebnisse galore.

Der Umgang mit Schülern entstresst mich. Egal wie blöd irgendetwas gefühlt gerade ist, zwei/drei Minuten in einer Klasse, der Kopf ist frei. Ein Lächeln, weil es sich zwangsläufig aus der Interaktion mit Schülern ergibt, macht das Gemüt auch sonst gleich froh.🙂
(Ich gehöre übrigens zu dem Lehrertyp, der nach den Sommerferien richtig Entzug von der großen Bühne hat und unbedingt wieder vor eine Klasse muss.)

Die Zusammenarbeit mit einem Großteil der KollegInnen entspannt mich. Ich finde, man sollte gemeinsam über das System Schule schimpfen dürfen: nicht immer sind Schüler nur lieb, Vorgesetzte und Eltern gerecht in ihren Erwartungen, ich perfekt in meinen Handlungen. Im optimalen Fall Shared Values mit den Kollegen, wir ergänzen uns, teilen fachliches (und privates) Leid.

Der Umgang mit wenigen KollegInnen dagegen stresst mich. Vor allem in eh schon vollen Pausen. Immer wollen sie all ihre Klassenleitergeschäfte in genau die 20 Minuten pressen, die ich zur Erholung nutzen möchte. Regeln der guten Kommunikation werden dabei selten eingehalten. „Ach, wo ich euch beide schon sehe! Es geht auch schnell… blablablabla“ „Ja, wir beide stehen hier, weil wir miteinander sprechen, nicht, weil wir gerade nur auf dich gewartet haben…“

Lehrer-, Zeugnis- und Fachkonferenzen sehe ich als großen, unterhaltsamen Spaß an. Wenn es dröge wird – was selten der Fall ist – rechne ich den Stundenlohn aller Anwesenden zusammen. Sehe die Geldscheine mit der (diskussions-)heißen Luft des LeZis verschwimmen. Manchmal nutzt unsere Gesellschaft das bildungspolitische BSP nicht optimal aus, in überlangen Diskussionsrunden wird das sehr deutlich.

Hohlstunden entspannen mich. In Ruhe meinen Kaffee trinken, Unterricht nachbereiten, Listen führen, Dinge kopieren, Dinge verteilen, Dinge unterschreiben. Tratsch mit den Kollegen. Stundenplanergedöns.

Unterricht für den nächsten Tag, meist für die nächste Woche bereite ich nach meinem regulären Unterricht vor. Gern an den Tagen, wo ich eh schon 7./8. Stunde habe. An 3 von 5 Tagen bin ich so nicht viel vor 18 Uhr daheim, habe aber alles Planerische erledigt. Da ein Großteil der KollegInnen die Schule fluchtartig nach dem Unterricht verlässt, einige wenige sich in ihre Kabinette zurückziehen, habe ich das LeZi für mich allein. Kaffee in Griffweite, Scanner/Kopierer und Bio-Sammlung in Laufweite.

Korrekturen funktionieren seltsamerweise nur in den eigenen vier Wänden, gern in Marathonsitzungen. Schriftliche Überprüfungen in der SekI gibt es immer erst nach 14 Tagen wieder; Klausuren liegen bis max. 4 Wochen.

Im ersten Halbjahr 2013/14 wohnte ich noch 25 Minuten Autostrecke entfernt von der Schule. Der Rückweg, die Parkplatzsuche, gefühlte Lebenszeitverschwendung. Mit großem Glück eine richtig schöne Wohnung mit Garten und Meganachbarn (=Vermietern), nur 7 Minuten Fußweg zur Schule, gefunden. Das hat viel in meinem privaten und beruflichen Setting verändert.

Am Ende die Pflicht in der Kür: Ausdauersport (bei mir ist es Schwimmen) und einen Tag in der Woche nichts für die Schule tun (bei mir meist Samstag). Daneben ziehe ich derzeit viel Kraft aus meiner Rückkehr an die Uni (mein Diss.-Projekt). Sich intellektuell mit Texten/Diskursen/Turns auseinanderzusetzen, allein der Auseinandersetzung wegen. Das tut sehr gut.

Wie mein Titel schon sagt. Resilienz ist wichtig. Erkennen oder besser: anerkennen, wo meine Leistungsfähigkeit liegt. Wo meine Grenzen. Ab wann tut es weh? Und Schule ist nicht alles. Mein Leben hat so viele Facetten.